Geschwisterbuecherei.de

Buchbesprechungen

Auf dieser Seite sollen monatlich 2-3 neue Bücher aus dem Bereich Geschwister, Familie vorgestellt werden.

Geplant ist, dass auch eine jugendliche Leserin jeweils dazu ihre Meinung schreibt.

Wie das Licht von einem erloschenen Stern

Nicole Boyle Rødtnes,
Verlag Beltz&Gelberg, Weinheim-Basel, 2016

Seitdem Vega vor etwa einem halben Jahr auf einem Sommerfest ausgerutscht ist und sich den Hinterkopf auf dem Boden eines Schwimmbeckens aufgeschlagen hat, ist ihr Sprachzentrum beschädigt. Nun leidet sie an Aphasie, oder wie Vega es ausdrückt: „Ihre Sprache ist zerbrochen“. Das Buch handelt davon, wie Vega, aber auch ihr Umfeld mit dieser plötzlichen Sprachlosigkeit umgeht. Vega geht nicht mehr zur Schule, ihre Freundinnen wenden sich immer mehr von ihr ab und auch die Beziehungen zu ihrer Mutter und ihrer Schwester Alma verändern sich. Bei einem Workshop für betroffene Jugendliche lernt Vega Theo kennen, der sie so viel besser versteht als die Anderen. Er unterstützt sie auch bei der Suche nach einem Schuldigen, denn Vega ist immer mehr davon überzeugt, dass sie in das Schwimmbecken gestoßen wurde und es sich nicht um einen Unfall  handelte.

Die Autorin verbindet viele Themen wie Freundschaft, Liebe, Verantwortung, Schuld und Verzeihen miteinander, was die ganze Handlung sehr abwechslungsreich macht. Das Buch ist sehr fesselnd geschrieben und vor allem die Entwicklung der Geschwisterbeziehung zwischen Alma und Vega, die sich durch das ganze Buch zieht, wird sehr realistisch und ehrlich beschrieben.

Emma (16)
Mai 2017


Nichts ist so perfekt wie das Leben

Deriso, Christina Hurley, 
Verlag Oetinger, 2012
empfohlen ab 13 Jahre

 In diesem Buch geht es um Summer, die gerade 17 Jahre alt wird.
Sie hatte eine große Schwester, hat diese jedoch nie kennen gelernt.
Shannon, ihre Schwester, starb mit 17 Jahren am ersten Tag ihres Abschlussjahres der Schule.
Da Summer jetzt so alt ist, wie Shannon bei ihrem Tod war, möchte sie jetzt mehr über ihre Schwester erfahren.
Das Problem dabei ist jedoch, dass Summers Familie nie über Shannon spricht. Wenn Summer das Thema ihrer Schwester anspricht, werden alle sofort abweisend und auch traurig.
Das einzige, was Summer über ihre große Schwester weiß, ist, dass sie perfekt war. Shannon hatte alle Begabtenkurse besucht und das ganze Haus hängt voll mit Urkunden und Fotos von Shannon.
Zu ihrem 17. Geburtstag bekommt Summer von ihrer Tante Nic das Tagebuch geschenkt, das Shannon im letzten Jahr ihres Lebens geführt hat. Beim Lesen merkt Summer, dass ihre Familie und vor allem Shannon nur so perfekt scheinen.
Auch Shannon hatte Streit mit ihrer Mutter und hatten vor allem in ihrem letzten Sommer 
viele Schwierigkeiten im Leben.
Summer findet zusammen mit ihrem besten Freund Gibs vieles über ihre Schwester heraus.
Auch wenn das nicht immer einfach für sie ist, stellt Summer fest, dass ihre Schwester auch nur ein Mensch und nicht annähernd so perfekt war wie sie immer dargestellt wurde. 

Ich finde, dass dieses Buch sehr einfühlsam und schön geschrieben wurde. Alles wirkt sehr real und auch die Entwicklung der Beziehungen von Summer zu ihren Eltern wirkt sehr echt.

Man kann diesen fesselnden Roman nicht aus er Hand legen, und wenn er fertig gelesen ist, möchte man am liebsten wieder von vorne anfangen.
Emma Morgenroth, 14 Jahre

Planet Willi 

Müller, Birte
Klett Kinderbuch, Leipzig 2012

Die Autorin schildert einfühlsam und in vielen alltäglichen Lebensbereichen die Berührungen der Welten von Familien, Geschwistern und dem Kind mit Behinderung, das sie als von einem anderen Planeten kommend beschreibt.
Birte Müller weiß, wovon sie berichtet, sie ist Mutter eines Kindes mit Trisomie 21 und eines jüngeren Geschwisterkindes.
Sie schildert wichtige und immer wiederkehrende Alltagssituationen und baut somit Verständigungsbrücken im Zusammenleben mit unterschiedlichen Menschen.
Die ausgesprochen ansprechende farbige Illustration des Buches schafft einen zusätzlichen Anreiz des Ansehens, Vorlesens, Besprechens.
Auf den Innenseiten des Buchumschlages befinden sich einige Gebärden.


Wie ich zum besten Schlagzeuger der Welt wurde- und warum

Sonnenblick, Jordan
Verlag Carlsen, Hamburg 2012

„Ich dachte immer, einen Bruder zu haben, sei das Schlimmste auf der Welt.
Aber jetzt weiß ich, keinen zu haben wäre schlimmer“ (Seite 204)
Das Buch schildert aus der Sicht des älteren Bruders die Krebserkrankungen des jüngeren Bruders mit allen Herausforderungen an das Leben der Familie.
Die Gefühle des Geschwisterkindes, das Mitleiden, das Schweigen in der Familie, das Nicht-Verstandensein in der Schule, die immer wieder selbstverständlich eingeforderte Rücksichtnahme werden innerhalb einer spannenden Rahmenhandlung, in der Musik eine große Rolle spielt, beschrieben.
Die Wandlung von zeitweiser Ablehnung, zurückgesetzt sein, nicht verstanden werden,
geschieht auch durch das Engagement von Mitschülern, die sich für die Familie einsetzen, deren finanzielle Situation sich durch die Erkrankung rapide verschlechtert.
(Die Geschichte spielt in den USA)
Entscheidend für die Änderung der Sichtweise des Bruders ist aber die Begegnung mit einem ebenfalls an Krebs erkrankten Mädchen, das von seiner Schwester allein gelassen wird.


„Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können.“

Korber, Tessa
Verlag Ullstein, Berlin 2012

Das Buch schildert schonungslos viele Auseinandersetzung mit einem autistischen Kind aus der Sicht seiner Mutter. Tessa Korber, Autorin zahlreicher Bücher, beschreibt autobiographisch die Geschichte ihres Sohnes Simon und  geht umfassend auf Veränderungen ein, die das Zusammenleben mit ihrem Kind von allen in der Familie verlangt. Dabei stellt sie u.a. auch die Sichtweise ihres älteren Sohnes Jonathan dar, der auf seine Weise mit der Erkrankung des Bruders, den Veränderungen im Leben der Eltern umgeht.
Sie schreibt u.a. auch über ihre Fragen an das Leben des Geschwisterkindes, das in vielen Phasen ihrer Vorstellung nach doch anders verläuft als bei Kindern, die nicht mit diesen Fragestellungen belastet sind. Das Geschwisterkind wird durch Angebote an Geschwister bereits begleitet. Letztendlich beschreibt sie das Geschwisterkind auch als  „besonderer Menschen“, geprägt durch die Entwicklung der Familie.
Das Buch ist aus vielen Perspektiven gewinnbringend zu lesen.
Das Buch spart kaum Fragen aus, die im Zusammenleben mit einem autistischen Kind in unserer Gesellschaft zu leben, zu bewältigen sind.
Zum Titel des Buches:
Diesen Satz hat Simon, ihr autistischer Sohn, ausgesprochen.

(Marlies Winkelheide, Dezember 2012)

Ich lebe, lebe, lebe

MacGhee, Alison, dtv  München 2012

Das Buch beschreibt die Auseinandersetzung einer Schwester, einer Zwillingsschwester mit ihrer besonderen Lebenssituation nach einem Verkehrsunfall. Sie wirft sich vor den Unfall verursacht zu haben, bei dem ihre Schwester schwere Verletzungen erlitt und seither im Wachkoma liegt. Die Sprachlosigkeit in einer solchen Situation, die Einsamkeit eines jeden Beteiligten, die Hilflosigkeit aller, die mit den beteiligten Menschen zu tun haben, die Schwere von Entscheidungen werden aus der Perspektive der Zwillingsschwester geschildert und enthalten umfassende Ansätze für die Auseinandersetzung der Lesenden über das eigene Leben nachzudenken, von der Last der Überlebenden zu erfahren und der besonderen Verbundenheit von Geschwistern.  M.W:


Bis unter die Haut

Hoban, Julia, Verlag Random House, 2012

Die Eltern sterben bei einem Verkehrsunfall. Am Steuer sitzt die jugendliche Tochter, die jetzt bei ihrem Bruder und seiner kleinen Familie lebt.
Die Einsamkeit der Geschwister durch den Verlust der Eltern, die je andere Form der Bewältigung, das nicht sehen und erkennen können des Leids des jeweiligen anderen,
die Frage der Schuld, die Suche nach einem Sinn im weiteren Leben sind Themen, die
das Buch schildert, eingebettet in eine Geschichte einer Störung, Schmerz gegen Schmerz zu setzen und dann doch durch die Begegnung mit einem Menschen einen neuen Weg zum Leben zu finden. M.W.


Noch lange danach

Pausewang, Gudrun, 2012

In ihrem eindrucksvollen Buch schildert Gudrun Pausewang das Leben einer Jugendlichen
in Deutschland, 40 Jahre nach einer Atomkatastrophe.
Sie antwortet auf Fragen, die der Leser erahnen und sich dann auch selber stellen kann.
Es ist eine Warnung vor den Folgen einer atomaren Katastrophe. Nicht ein Thema lässt dieses Buch aus, das sich mit Fragen von Sinn, von Beziehungen, von Bewältigungsformen, Vorurteilen, vom Leben mit schwersten Erkrankungen und Behinderungen, von Verzicht, Verantwortung und Engagement, von Mut und von den Möglichkeiten ein Leben auch neu zu beginnen u.a. beschäftigt. M.W.

Lucy`s Song

Bjorn Ingvaldsen, Verlag Boje. Köln 2011

 

„Meine Mutter ist sehr krank. In ihrem Krankenhausbett sieht sie so klein aus und atmet so schwach. Doch dann spielen sie im Radio ihren Lieblingssong, der davon handelt, in einem roten Cabrio durch Paris zu fahren. Es wäre so schön, wenn ich meiner Mutter diesen Traum erfüllen könnte. Und wenn sie sich freut, dann wird sie ja vielleicht auch wieder gesund?“

 Über den Zusammenhalt einer Familie während einer schweren Krankheit- schnörkellos und berührend erzählt

(Klappentext)

Das Buch erzählt die Geschichte eines Jungen, dem es gelingt seiner Mutter einen (ihren) Traum zu erfüllen. Es berichtet aus dem Alltag einer Familie, in der es manche Herausforderungen zu bewältigen gilt. Manche Gedanken und Gefühle  erfährt der Leser eher nebenbei.

 Auszüge

Ich überlegte, ob ich nach Hause gehen sollte. Aber was sollte ich zu Hause?

Luca war da. Und unsere Katze.

Zusammen mit irgendeiner Frau, die ich nicht kannte.

Eine, die sich um Lucy kümmern sollte.

Vor allem um Lucy, aber auch um mich.

Um mich musste sich niemand kümmern.

Ich wusste nicht, welche der vielen Frauen, die sich um uns kümmern, heute bei uns sein würde. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich einen Unterschied zwischen ihnen erkennen würde. Sie redeten alle gleich und taten alle die gleichen Dinge.

Ich konnte mich auch nicht mehr daran erinnern, wie sie eigentlich hießen. Wer wer war.

Ich wollte lieber warten, bis meine Tante kam. Es wäre schön, wenn sie die ganze Zeit da wäre. Das ganze Wochenende.

Denn die Wochenenden waren am schlimmsten.
Morgen sollte Lucy wieder in die Schule. Und anschließend ins Zentrum.

Solange sie dort war, kam keiner zu uns nach Hause. Keine fremde Person, die an meine Tür klopfte, keine Fremde, die sich zu mir ins Wohnzimmer setze. Niemand, der freundlich mit mir reden wollte. (Seite 12)

 
Ich ging in Lucys Zimmer. Sie schlief schon. An der Wand über ihrem Bett hingen an paar Zeichnungen von ihr. Es war nicht zu erkennen, was sie darstellen sollten. Wahrscheinlich sollten sie gar nichts darstellen. Es waren einfach nur Zeichnungen...

Jetzt schaute ich Lucy an. Träumte sie manchmal? Wovon mochte sie wohl träumen?

Sie wusste ja so gut wie nichts.

Wovon konnte man da schon träumen?

Vom Essen?

Und den Willen zu leben, hatte sie den?

Ich streckte die Hand aus und legte sie ihr über Mund und Nase. Sie konnte nicht atmen.

Ich hielt fest, ganz fest. Sie drehte den Kopf, warf sich zur Seite. Ich ließ los. (Seite 23)

Es kam ein Seufzer von ihr. Dann schlief sie wieder.

Genauso friedlich wie vorher. Der Wille zu leben, dachte ich.

Das ist sicher ein starker Wille.

Aber zum Schluss sterben alle, ganz gleich, wie stark der Wille auch ist. Fliegen sterben, Schmetterlinge sterben, Elefanten sterben auch.

Ich verließ das Zimmer und machte die Tür hinter mir zu.

Lucys Zimmer.
Wenn man bedachte, dass sie meine große Schwester war. (Seite 24)

Ein ausgesprochen empfehlenswertes Buch ab 13 Jahren

 (Marlies Winkelheide, Oktober 2011)

 

WH Davies